BG ETEM Statistik der Stromunfälle
| Bianca Matern | Normen & Regelwerke, Sicherheit
Statistik der Stromunfälle: Warum Stromunfälle weiterhin passieren und was die Zahlen wirklich zeigen
Elektrischer Strom ist aus dem Alltag und der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Auch wenn viele Berufe das sichere Arbeiten in der Elektrotechnik zum Ziel haben, bleibt ein Risiko. Die jährliche Unfallstatistik der BG ETEM liefert einen präzisen Überblick darüber, wo es in der Praxis zu elektrischen Gefährdungen kommt, welche Tätigkeiten besonders unfallträchtig sind und wie sich die Gefährdungslage im Zeitverlauf entwickelt hat.
Die aktuelle Unfallstatistik zeigt ein klares Bild. Positiv zu erwähnen ist, dass die Zahl der tödlichen Unfälle mit Strom immer weiter zurückgeht. Das ist sehr erfreulich, aber Stromunfälle im Niederspannungsbereich sind nach wie vor ein wichtiges Thema und sie betreffen überwiegend ganz alltägliche Arbeiten.
Wie ein roter Faden zieht sich eine der Grundlagen für das Arbeiten im elektrotechnischen Bereich als Unfallursache durch die Auswertungen.
Fast jeder Unfall hätte vermieden werden können, wenn die 5 Sicherheitsregeln konsequent beachtet worden wären.

Wechselstrom: Die Hauptquelle für Stromunfälle
Ein Blick auf die Verteilung zeigt es sofort: Bei einem Unfall ist Wechselstrom mit 89,4 % aller Fälle die dominierende Art des Stroms.
Gleichstrom spielt zwar durch PV-Anlagen, Batterietechnik und Schweißstromquellen eine wachsende Rolle, liegt aber mit 10 % noch weit darunter.

Das hat weniger mit der Gefährlichkeit selbst zu tun, sondern mit dem Alltag der Elektrotechnik:
Die meisten Arbeiten finden schlicht in klassischen AC-Anlagen statt – in Gebäuden, Installationen oder Maschinen.
Wer ist in Stromunfälle verwickelt?
Die aktuelle Statistik der BG ETEM zeigt ein erschreckendes Bild: 48,5 % aller Stromunfälle betreffen Elektrofachkräfte – also Personen, die eigentlich über eine qualifizierte Ausbildung und das nötige Know-how verfügen. Das wirft wichtige Fragen auf: Wie kommt es dazu, dass gerade ausgebildete Profis so häufig betroffen sind? Und welche Rolle spielt die Berufserfahrung?
Ein Blick auf die Verteilung nach Berufserfahrung
Die Zahlen zeigen, dass Stromunfälle nicht nur Berufsanfänger betreffen. Im Gegenteil – das Risiko verteilt sich über alle Erfahrungsstufen:
1 Jahr Berufserfahrung: 1,3 %
In den ersten Monaten sind Fachkräfte meist besonders aufmerksam und vorsichtig, was die niedrige Quote erklärt.
Über 1 bis 5 Jahre: 29,9 %
In dieser Phase steigt die Routine – aber auch das Risiko, Abläufe zu unterschätzen oder Sicherheitsregeln weniger strikt anzuwenden.
Über 5 bis 10 Jahre: 30,5 %
Diese Gruppe stellt den größten Anteil. Erfahrungswerte sind zwar vorhanden, gleichzeitig schleicht sich bei vielen eine gewisse Selbstsicherheit ein.
Über 10 bis 20 Jahre: 21,5 %
Auch gestandene Profis sind weiterhin einem relevanten Risiko ausgesetzt. Komplexere Aufgaben und Führungsverantwortung erhöhen häufig die Belastung.
Über 20 Jahre: 16,8 %
Langjährige Mitarbeitende weisen zwar große Erfahrung auf, sind jedoch oft in gewachsenen, teilweise überholten Arbeitsstrukturen unterwegs.

Die Auswertung macht deutlich: Routine kann trügen. Je erfahrener eine Elektrofachkraft ist, desto mehr verlässt sie sich auf Gewohnheiten und genau das kann gefährlich werden. Sicherheitsunterweisungen und Kenntnisse aktueller Normen müssen daher kontinuierlich aufgefrischt werden.
Zudem zeigt sich, wie wichtig eine Unternehmenskultur ist, die Sicherheit nicht als Pflichtübung, sondern als festen Bestandteil der täglichen Arbeit versteht.
Denn Stromunfälle sind kein Zeichen mangelnder Qualifikation, sondern sie sind ein Hinweis darauf, dass Sicherheit ein fortlaufender Prozess ist. Ob Einsteiger oder alter Hase: Das Risiko bleibt bestehen, wenn man es nicht bewusst reduziert. Regelmäßige Schulungen, klare Kommunikationswege und eine gelebte Sicherheitskultur sind daher entscheidend, um Stromunfälle nachhaltig zu verringern.
Auffrischung fällig?
Unsere Jahresunterweisungen vermitteln aktuelles Wissen zu den neuesten Vorschriften, Sicherheitsstandards und Technologien. Dabei bieten wir nicht nur Schulungen für technische Fachkräfte, sondern unterstützen auch Unternehmen und Organisationen bei der Planung und Organisation dieser wichtigen Weiterbildungsmaßnahmen.
Als Offene Seminare, Inhouse oder Online.
Wo passieren die Unfälle – und warum genau dort?
Die nachstehende Statistik macht das Bild noch schärfer: 44 % aller Stromunfälle entstehen im Bereich der Verteilung. Damit ist dieser Bereich mit weitem Abstand Spitzenreiter.

Und das überrascht kaum. In Verteilungen kommen viele Risikofaktoren zusammen:
- enge Platzverhältnisse
- schwer zugängliche Bauteile
- parallele aktive Leiter
- vielfältige Einspeise- und Rückspeisemöglichkeiten
Genau diese Umgebungen verlangen höchste Konzentration und ein absolut sauberes Befolgen der Sicherheitsregeln.
Weitere Bereiche sind deutlich seltener betroffen, etwa Verbraucher allgemein (20 %) oder Messen/Prüfen/Regeln (8 %).
Welche Betriebsmittel besonders auffallen
Innerhalb der beiden Stromarten lassen sich zudem typische Muster erkennen:
Bei Wechselstrom:
- feste Installationen
- Niederspannungsverteilungen
- Leuchten
- elektrische Ausrüstung von Maschinen
Diese Betriebsmittel bilden den Kern klassischer Niederspannungsanlagen – und damit den Schwerpunkt des Unfallgeschehens.
Bei Gleichstrom:
- PV-Anlagen
- Schweißstromquellen
- Akkumulatoren/Batterien
- Prüfgeräte
Hier zeigt sich insbesondere der Einfluss der Energiewende: PV-Anlagen stehen mittlerweile ganz oben.

Und wieder stehen im Zentrum: die 5 Sicherheitsregeln.
Die Daten deuten auf ein klares Muster hin: Nicht die Technik verursacht die Unfälle – sondern Abweichungen im Arbeitsverhalten.
Besonders häufig betroffen sind Regel 1, 3 und 5:
Regel 1 – Freischalten
wird vor allem bei PV-Anlagen und Batterien kritisch, weil unerwartete Rückspeisungen auftreten können.
Regel 3 – Spannungsfreiheit feststellen
ist der Klassiker unter den Fehlern: fehlende Messung, falsches Messgerät, unvollständige Prüfsequenz.
Regel 5 – Abdecken/Abschranken benachbarter Teile
spielt vor allem im engen Innenleben von Verteilungen und Schaltschränken eine große Rolle – und steht häufig in Verbindung mit Lichtbogenunfällen.
Fazit: Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
- Stromunfälle entstehen hauptsächlich an alltäglichen Anlagenkomponenten.
- Verteilungen sind der eindeutige Brennpunkt des Unfallgeschehens.
- PV- und Batterietechnik holen im Gleichstrombereich auf.
- Und fast jeder Unfall ließe sich verhindern, wenn die 5 Sicherheitsregeln vollständig und ohne Ausnahme angewendet würden.
Damit wird klar:
Sicherheit beginnt nicht bei der Anlage sondern beim Menschen, der an ihr arbeitet. Das regelmäßige Auffrischen der Fachkunde ist somit ein wichtiger Baustein zur Erhöhung der Sicherheit beim Arbeiten im elektrotechnischen Bereich.
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Erforderliche Jahresunterweisung Elektrofachkraft, EuP und EFKffT gemäß DGUV Vorschrift 1, Arbeitsschutzgesetz, Betriebssicherheitsverordnung und Arbeitsstättenverordnung über einzuhaltende Schutzmaßnahmen, bei der Ausführung von Arbeiten mit Belang für die elektrische Sicherheit. (Webcode: E06)
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